„Wir erleben uns durch unsere Kreativität wieder als Ganzes“

In kreativen Berufen und von Künstlern wird Kreativität verlangt. Was aber, wenn Sie im Projektmanagement eines Industrieunternehmens oder als Personalchef einer Hotelkette täglich wichtige Entscheidungen zu treffen haben, die wenig Raum lassen für Kreativität? Wer ständig ziel- und ergebnisorientiert durch den Alltag marschiert, dem fällt es schwer, der eigenen Schöpferkraft zu vertrauen, sich einfach hinzugeben beim Malen, beim Tanzen, beim Schreiben. Immer geht es darum: Ist das Bild schön geworden? Mache ich eine gute Figur? Finden die anderen meinen Text gut? Dabei ist es ein wahrhaft irres Gefühl, einfach mal drauf los zu malen, ohne dabei das Ergebnis im Kopf zu haben. Einfach herausbringen, was gerade da ist und dabei den kreativen Anteil in sich entdecken. Eine Schöpferkraft, die gelebt werden will. Hat man sie einmal entdeckt, kann man sie im beruflichen Alltag wunderbar nutzen. Denn, wer es schafft, auch in Zeiten großer Herausforderungen, unter Stress und Zeitdruck, einen Zugang zu seinem schöpferischen Potenzial zu bekommen, der wird leichter Antworten finden und besser Entscheidungen treffen können.

201406_buchkreativitätDas Buch „Love to create“ von Paro Christine Bolam hält dazu viele Anregungen und Übungen bereit. Warum und wie es sich von den üblichen Kreativitätsratgebern unterscheidet und was es für jeden von uns bedeutet, die eigene Schöpferkraft in sich zu entdecken, dazu lesen Sie mehr im folgenden Interview mit der Autorin.

INTERVIEW MIT PARO CHRISTINE BOLAM

Paro, in deinem Buch „Love to Create“ (erschienen im AURUM-Verlag) heißt es in der Unterzeile: „Befreie den Künstler in dir!“ In den meisten Büchern zu diesem Thema geht es um die Vermittlung von Kreativitätstechniken. Was erwartet uns in deinem Buch?

Paro Christine Bolam: Keine Kreativitätstechniken. Für mich ist das der dritte Schritt vor dem ersten. Zunächst geht es darum, sich selbst wieder als kreativ zu erleben. In Kontakt zu kommen mit der ureigensten Schöpferkraft, dem eigenen individuellen Ausdruck, der ganz natürlich zu uns gehört. Kinder sind dafür das beste Beispiel. Sie brauchen keine Kreativitätstechniken, sie malen einfach drauflos. Picasso hatte als alter Mann mal eine Kunstausstellung von Kindern besucht und wurde von einem Journalisten befragt, was er davon hielte. Er antwortete, dass er in diesem Alter gemalt hätte wie Raffael. (Anm.: Raffaelo Santi zählt zu den berühmtesten Malern der italienischen Renaissance). Na klar, dachte sich der Journalist. Daran zeigt sich der wahre Künstler. Doch Picasso fuhr fort: „Und danach habe ich mein Leben damit zugebracht, wieder so zu malen wie diese Kinder …“

Ich bin nicht gegen Techniken, wenn man sich ihrer bedient aus dem Kontakt heraus mit der eigenen Kreativität. Nur werden sie uns nicht sonderlich beglücken, wenn dieser Kontakt nicht vorhanden ist. Dann stellen sie lediglich eine Krücke dar. Mein Buch ist dafür da, wieder mit der eigenen Schöpferkraft in Kontakt zu kommen, die zu uns gehört wie das Atmen. Denn es war alles da, als wir geboren wurden. Eigentlich müsste die Unterzeile es Buches heißen: „Befreie den Schöpfer, der du schon bist“.

Also ist dieses Buch nicht primär für Künstler geschrieben. Sondern für wen …?

Paro Christine BolamFür diejenigen, die eine Sehnsucht danach haben, sich mit ihrer eigenen Kreativität in den Ausdruck zu bringen. Die diesen Schatz in sich entdecken und freilegen wollen – einen Schatz, der vielen von uns scheinbar abhanden gekommen ist, den wir nicht mehr erkennen. Ihn wieder freizulegen, macht uns vollständig, wir erleben uns als ganz, nicht mehr zersplittert und gespalten. Wir werden mehr wir selbst. Es ist, als hätten wir ein Bein amputiert bekommen und erhielten es plötzlich zurück. Erlebten es ganz neu, wie es sich anfühlt, auf zwei eigenen Beinen zu stehen, zu gehen, zu hüpfen …

Ich kenne eine Steuerfachangestellte, die ganz klar über sich sagt: „Ich bin total unkreativ.“ Ich glaube, dass es viele gibt, die so denken. Was können Menschen wie sie aus deinem Buch mitnehmen?

Paro Christine Bolam: Kreativität wird häufig missverstanden. Sie wird an ihren Werken gemessen, wird auf die Ergebnisse begrenzt – auf tolle Ideen, auf schöne Bilder, etc. Dabei geht es einfach darum, sich selbst als kreativ zu erfahren und die Freude am eigenen authentischen Ausdruck wiederzufinden. Nicht nur die Pläne und Ideen des Kopfes umzusetzen, sondern einen tieferen Sinn zu verwirklichen, sich selbst umfassend einzubringen mit Herz, Bauch und Seele. Und das ist jedem von uns gegeben – auch Steuerfachangestellten, die vielleicht keine Bilder malen, aber auf andere Weise kreativ sind. Doch die meisten von uns sind leider so stark durch die Ansprüche und Urteile ihres inneren Kritikers blockiert, dass die reine Freude am schöpferischen Tun gebremst wird.

… vielleicht auch, weil sie im Kunstunterricht immer nur mit „ausreichend“ bewertet wurden?

Paro Christine BolamJa, das ist eine Möglichkeit, wie der innere Kritiker entsteht: Wir verinnerlichen Glaubenssätze wie „Ich kann nicht malen“ oder „Ich bin nicht kreativ“ oder ähnliches, und diese Glaubenssätze fühlen sich an wie unumstößliche Wahrheiten. Sie sind auch der Grund für so genannte Blockaden beim Malen, beim Schreiben und so weiter. Blockiert zu sein bedeutet letztlich einfach nur, dass wir unseren alten Vorstellungen und einschränkenden Mustern mehr Glauben schenken, als unserer Erfahrung in der gegenwärtigen Realität. Kreativität ist immer da – aber unsere Vorstellungen schneiden uns von ihr ab. Da das bei den meisten von uns so ist, müssen wir auch lernen, solche Blockaden zu durchschauen und aufzulösen. Das ist eine tolle Erkenntnis: ich bin nicht blockiert, weil bei mir etwas nicht stimmt, sondern weil ich einer alten Lüge glaube.
Auf der einen Seite legen wir also unsere naturgegebene Kreativität wieder frei, auf der anderen lernen und üben wir, kreativ mit Blockaden umzugehen. Bei beidem helfen die Übungen in meinem Buch.

In deinen Kursen unterrichtest du intuitives Malen. Ist das ein guter Weg, um diese Dinge zu lernen?

Paro Christine BolamJa. Für mich ist das Malen eine ideale Möglichkeit, aus der eigenen Präsenz heraus Zeichen zu setzen und zu erleben „das immer etwas kommt“. Wir brauchen dafür nur Pinsel, Farben und Papier. Wir müssen nicht erst ein Handwerk erlernen, sondern können einfach loslegen. Alles was wir am Anfang brauchen, um uns – für einen Moment oder auch für länger – als kreativ zu erleben, ist ein Rahmen, in dem unser Tun weder bewertet, noch verglichen oder beurteilt wird. In meinen Seminaren beginne ich jede Malsitzung außerdem mit einer Meditation oder Übung, die den Teilnehmern hilft, mit ihrem Körper, ihrer Intuition und ihrer Ausdruckskraft in Kontakt zu kommen. So entwickeln wir nach und nach wieder die Fähigkeit, in der Gegenwart zu sein und uns frei und natürlich auszudrücken.

Dieser kreative Weg zurück in unsere Ganzheit hat viele kleine Schritte. Er kann zu einem Lebensweg werden, einer Abenteuerreise, einer sich stetig vertiefenden Begegnung mit uns selbst – ähnlich der Achtsamkeitsmeditation, die uns lehrt, allen Realitäten und Energien offen zu begegnen und dabei zu entdecken, wer wir wirklich sind.

Das zusätzliche Geschenk – sozusagen das Sahnehäubchen – das uns der Malprozess beschert, sind die erstaunlich lebendigen, geheimnisvollen, überraschend kreativen „Werke“, die nach und nach dabei entstehen, und die wir niemals hätten planen können.

(Das Interview führte Daniela Wohlfromm)

Foto: Mathias Vietmeier

Foto: Mathias Vietmeier

Zur Autorin:
Paro Christine Bolam ist das, was wir uns unter einem kreativen Menschen vorstellen. Sie hat Kunst studiert, Theater gespielt, in Indien meditiert, Bücher geschrieben, Bücher übersetzt, viele Fortbildungen an vielen Orten der Welt gemacht. Heute leitet sie ihre eigene „Schule für Kreativität“ in ihrer Wahlheimat in Oberbayern am Staffelsee.

Für alle, die jetzt Lust bekommen haben, bei Paro Christine Bolam ein Seminar mitzumachen, haben wir in der Sidebar einige aktuelle Termine von ihr aufgeführt. Alle Kurse sind für Anfänger und Fortgeschrittene geeignet. Viel Freude dabei!

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